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Fair Use, Open Source und Creative Commons in Deutschland

Chris macht sich da einen Haufen Gedanken zu Fair Use, Open Source und Creative Commons in Deutschland. Aber mal ehrlich: seine Annahmen basieren auf Beispielen, die meiner Meinung nach nicht ganz passen.


Da wäre das Beispiel BSD. Er schreibt vom BSD-Profi, der seinen Einsatz eher auf den englischsprachigen Raum begrenzen muss. Begrenzen? Also ich kann da keine Begrenzung sehen – eine Begrenzung wäre es doch umgekehrt. Und was zu wenig deutschsprachige Nutzer angeht: BSD wird nun mal (leider) seltener eingesetzt als z.B. Linux. Die Ursache dafür ist mit Sicherheit nicht mangelnde Akzeptanz von Open Source Systemen. Man schaue sich doch einfach mal an, welche Server-Systeme man so anmieten kann: Windows, Linux und dann kommt lange nix und erst dann bei einigen Providern (längst nicht bei allen) BSD-Systeme, Mac OS X oder Solaris. Ja, ich rede von den Anbietern, die ihre Rootserver-Angebote regelmäßig in diversen Computer-Zeitungen durch Anzeigen und Beilagen bewerben. Die, die eben auffallen. Und auch der Markanteil von Firefox in Deutschland deutet nun nicht auf eine grundsätzliche Ablehnung von Open Source Software in Deutschland hin. Nein, wirklich nicht.

Um es kurz zu machen: nein, aus dem BSD-Beispiel kann man meiner Meinung nach auf keinen Fall eine grundsätzliche Haltung zu Open Source in Deutschland ableiten.

Da kommt dann das Beispiel mit der Musik. Um genau zu sein zwei Beispiele: einmal die Download-Zahlen CC-lizensierter Musik bei F!XMBR und dann noch das Beispiel eines Gewinnspiels bei F!XMBR. Also was das Gewinnspiel angeht müsste man schon wissen, wie viele Besucher so jeden Tag bei F!XMBR vorbei schauen – vorher kann man das nicht bewerten. Bei jbo-fans.de verlose ich jeden Monat was, z.B. J.B.O.-CDs oder Eintrittskarten. Aber der Anteil der User, die sich dann wirklich die “Mühe” machen eine einfache (Multiple-Choice-)Frage zu beantworten und eine Mail zu schicken liegt bei höchstens 0,1%. Und da liegt es nun sicher nicht daran, dass die Besucher die Musik nicht kennen würden oder eine kostenlose CD ablehnen würden – es ist pure Faulheit! Mir hat tatsächlich jemand gesagt, dass er da keinen Sinn sieht 3 Minuten zu investieren um vielleicht eine CD zu gewinnen – die müsse er ja dann noch rippen und alles – da ginge es schneller mal eben [hier bitte P2P-Software der Wahl eintragen] zu starten und sich die CD gleich da zu ziehen. Und wie gering ist dann erst die Motivation bei Musik, die man nicht kennt, die man sogar legal und kostenlos laden kann? Und dann gleich drei Fragen? Und das alles “nur” um die Songs in “etwas besserer Qualität”, mit Lyrics und Artwork zu bekommen? Ganz ehrlich: da ist meine Motivation anfangs auch nicht so gross (das mag sich ändern nachdem man die Songs mal gehört hat). Nein, auch das taugt nicht als Beispiel. Wirklich nicht.

Und was die Download-Zahlen angeht, einerseits beklagt Chris die geringe Zahl von Downloads auf dem eigenen Server:

23mal wurde das Album von unserem Server geladen. Zieht man die Leute, die daran beteiligt waren ab, bleibt nicht mehr viel. Und auch die Download-Zahlen unserer Download-Ecke sind nicht wirklich hoch – ganze 17 Downloads für alle angebotenen Alben/Bücher.

Aber später im Beitrag dann:

Als letzten Punkt möchte ich dann noch die Nehmer-Mentalität in weiten – auch internationalen – Kreisen des Internets ansprechen. Wenn z. B. Korrupt in den gulli:news nicht müde wird, die Politik der Contentindustrie anzuprangern, dann muss man auch, wenn man es differenziert sehen will, die Nehmerqualität der Gesellschaft sehen. Man kennt dort kein Maß mehr, nimmt mit, was man nehmen kann – ob es nun Mainstream-Musik auf dem russischen Server oder eben die CC-Musik ist, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, auch mal etwas zurückzugeben.

Also in geschilderten Fall haben die Leute offenbar doch eben nicht genug mitgenommen, oder nicht? 😉 Aber da sind wir nicht beim einzigen Widerspruch: einerseits eine “Was nix kostet taugt nix”-Einstellung unterstellen, aber auf der anderen Seite der Vorwurf es würde alles mitgenommen was geht und eine “Geiz ist geil”-Mentalität. Was genau ist denn nun das Problem?

Eigentlich sind es doch zwei Probleme – das erste Problem ist die Menschen überhaupt auf die CC-Musik aufmerksam zu machen und dann kommt das Problem den Leuten begreiflich zu machen, dass sie da nicht nur einsacken können, sondern auch was zurück geben müssen. Dabei halte ich das erste Problem für schwerer zu lösen.

Klar, es gibt Portale speziell für CC-Musik, es gibt jede Menge Weblogs, die CC-Musik-Tipps veröffentlichen, keine Frage. Aber jetzt versetzen wir uns mal in die Lage eines ganz normalen Users. Der kennt die Musik, die er eben immer hört, was im Radio gespielt wird usw. Diese Musik zieht er sich einfach so kostenlos im Netz. Es ist nicht viel Aufwand, einfach [hier bitte P2P-Software der Wahl eintragen] besorgen, Namen der Band eingeben und fertig. Ist das fair gegenüber den Musikern? Nein. Klar, einige der User werden trotzdem Konzerte besuchen, CDs oder T-Shirts kaufen, aber die Mehrheit denkt darüber wohl eher nicht nach. Jetzt muss man sich mal überlegen, ob so ein User sich die Mühe macht nach neuer Musik zu suchen, Musik von ihm bisher unbekannten Interpreten? Wohl eher nicht – er hat doch ein gigantisches (wenn auch nicht legales) Angebot aus dem er sich einfach bedienen kann. Nur die Namen der ihm bekannten Interpreten und Bands eingeben und fertig. Freie Auswahl. Warum sollte er da so seltsame Weblogs durchforsten? Missi hat es getroffen: Was der Bauer nicht kennt,… Man mag es ergänzen um: …und was ihm nicht von gewohnter Seite “empfohlen” wird (“empfohlen” meint in diesem Fall auch TV-/Radio-/Print-Werbung).

Und da will ich mich nicht ausnehmen. “Hey, neue Single von Iron Maiden” – prima, kenne ich, ich weiss was mich erwartet – schnell in den iTunes Music Store und gekauft. Und wenn noch ein wenig Zeit bleibt mal schauen, was andere Käufer der Single außerdem so gekauft haben und den einen oder anderen Ausschnitt anhören. Da “erwischt” mich Apple eben genau im richtigen Moment und bietet mit dem Shop auch das ideale Werkzeug – ich will eh gerade Musik kaufen und die 5 Minuten um mal schnell da durchzuschauen habe ich dann doch. Oder Empfehlungen von Menschen, die ich kenne: ich kenne deren Musikgeschmack relativ gut, ich weiss relativ sicher, wenn X ein Song gefällt wird er mir auch gefallen und wenn Y den dann noch abscheulich findet habe ich einen neuen Lieblingssong.

Wie ist das nun mit einem CC-Musik-Tipp in einem Weblog eines Autoren, dessen Musikgeschmack ich nicht kenne? Nun, entweder habe ich gerade Zeit und höre mir das an und bilde mir ein Urteil – aber diese Zeit muss man eben haben oder sich nehmen können – oder ich sauge einfach mal, um mir das dann später in Ruhe anzuhören. Was soll ich sagen: mindestens die Hälfte dieser “höre ich später”-Sachen höre ich dann doch nicht mehr. Wenn das schon mir so geht – und für mich persönlich ist Musik durchaus wichtig – wie geht es dann erst den ganzen Leuten, für die Musik in erster Linie nur noch eine Berieselung ist, weil sie ein Problem mit Stille haben? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Dazu muss ich nur mal einen Blick in meine iTunes-Statistiken schauen: insgesamt habe ich mit iTunes/iPod 72.085 mal irgendeinen Song (keine Podcasts) gehört, davon aber allein 20.485 mal Songs von 10 Bands.

Die Hemmschwelle für viele sich mit CC-Musik überhaupt erstmal zu befassen ist also verdammt hoch: Faulheit, Gewohnheit (“Was der Bauer nicht kennt, …”) und die praktisch freie Verfügbarkeit der Musik, die man kennt über Tauschbörsen (“Geiz ist geil”). Ich will übrigens nicht Filesharing verteufeln. Aber je weniger solche Tauschbörsen zur Verfügung stünden, desto besser wäre es vielleicht für CC-Musik – je schwieriger es wird, die aktuellen Album-Charts kostenlos aus dem Netz zu saugen, desto attraktiver wird für die bisherigen Nutzer sich nach legalen, aber trotzdem erstmal kostenfreien Alternativen umzuschauen. Jetzt weiss ich aber so gut wie jeder andere, dass es mit den Tauschbörsen nicht so schnell vorbei sein wird und ich habe schon gar keine Lust, mich an irgendwelchen Kampagnen gegen deren Nutzer zu beteiligen – wirklich nicht. Aber Software wie AllPeers zeigt auch dem letzten Trottel wohin ein großer Teil des Tauschbörsentraffics gehen wird: in kleinere, private Tauschgemeinschaften. Man kennt sich und tauscht nur untereinander. Man stellt seine Musiksammlung einfach nicht mehr der ganzen Welt, sondern nur noch ausgewählten Personen zur Verfügung. Aber das ist ein ganz anderes Thema…

Klar, ich kenne auch kein Patentrezept gegen diese Kombination aus Faulheit, Gewohnheit und “Geiz ist geil”. Aber so schlecht ist die CC-Lizenz doch nicht. Vielleicht fehlt es bisher einfach nur an der kritischen Masse? Sowohl bei den Musikern als auch bei den Hörern? Seitens der Musiker gibt es in Deutschland ja dann noch das GEMA-Problem. Ein Autor, der GEMA-Mitglied ist kann nicht einfach einen Song schreiben und unter der CC veröffentlichen. Diese GEMA-Mitgliedschaft ist ein Entweder-oder-Ding: entweder man ist Mitglied mit allen seinen Werken oder man ist eben nicht Mitglied. Hier liegt sicher auch eine Ursache der fehlenden Akzeptanz bzw. eher der fehlenden Aufmerksamkeit in Sachen CC. Es wäre doch was anderes, wenn plötzlich [hier Interpreten oder Band der Wahl mit einem Top-10-Album im letzten Jahr] eine Single oder ein Album unter CC veröffentlichen würde.

Und jetzt dürft Ihr mich in den Kommentaren abschlachten – ich habe garantiert noch einiges übersehen, mir fallen auch bei jedem neuen Lesen des Textes wieder Sachen auf, die ich noch erwähnen könnte – aber eigentlich wollte ich ja nur sagen, dass ich es für etwas komplizierter halte wie Chris und es auch nicht wirklich für ein deutsches Problem halte. Und ich habe schon wieder viel mehr geschrieben als ich eigentlich vor hatte und ein bisschen was anderes wollte ich ja heute auch noch machen…

 

P.S.: während ich das hier geschrieben habe lief u.a. auch das von Chris angesprochene Album “Secrets” von All:My:Faults. Gefällt mir… rein hören kann nicht schaden 😀