Dobschat

Väter

Ich habe ja echt Glück, ich habe tatsächlich zwei Väter. Klar, nicht biologisch, biologisch gesehen habe ich natürlich nur einen Vater, aber so praktisch gelebt betrachtet war doch mein Stiefvater immer mehr mein Vater im Sinne von Vaterfigur als mein leiblicher Vater (und das ist nun wirklich nur eine Feststellung, wenn es eine Schuldzuweisung sein sollte, dann ginge die eh komplett auf meine Kappe, ich wollte ja auch nicht – ist aber ein ganz anderes Thema).

Nun ist es so, dass sich mein Stiefvater immer schneller seinem Ende nähert. Er ist schon länger ein Pflegefall und schon im November sah es bei einem Krankenhausaufenthalt kurz so aus, als würde er das Krankenhaus nicht mehr leben verlassen. Inzwischen hat er das Krankenhaus verlassen – es war sein Wunsch daheim zu sterben, nicht im Krankenhaus, womöglich noch mit etlichen Schläuchen überall. Die Beziehung zu ihm war immer extrem wechselhaft, ab einem gewissen Zeitpunkt (ich war so 13, 14 – habe angefangen selbst zu denken und eine eigene Meinung zu haben) gab es eigentlich nur noch Probleme, das hat sich erst Jahre später etwas gebessert, nachdem ich schon lange ein eigenes Leben, in einer eigenen Wohnung, von eigenem Geld gelebt habe. Optimal war es sicher nie, aber bis zu meinem Umzug nach Saarbrücken war es eigentlich ganz gut. Den Umzug nach Saarbrücken fand er aber ganz und gar nicht in Ordnung – schließlich hätte ich in Nürnberg bleiben müssen für den Fall, der nun bevor steht, um meiner Mutter und meinem kleinen Bruder (eigentlich Halbbruder) zu helfen, wenn er nicht mehr ist. Dementsprechend auch sein Verhalten gegenüber Andrea – zwei mal hat er sie gesehen und nach Kräften ignoriert.

Unser „Abschied“ – wenn man das so nennen möchte – war auch sehr ernüchternd. Im November – nach einer Not-OP und der Prognose des Arztes, dass er die Nacht evtl. nicht überleben würde –  bin ich praktisch vom Schreibtisch weg aus Bochum direkt nach Nürnberg gefahren, nachts noch auf die Intensivstation, um ihn zu sehen – nur um mir anhören zu dürfen, dass ja irgendwie ich (und mein mittlerer Halbbruder) schuld an seinem Zustand sei – hätte er sich vor Jahren nicht so sehr über uns ärgern müssen, dann wäre ja alles ganz anders… Na danke. Dafür hätte ich dann nicht nach Nürnberg fahren müssen.

Das alles ergibt echt eine seltsame Situation, ich bereite mich auf die kommende Beerdigung vor, frage mich selber die ganze Zeit, ob ich nun zu viel, zu wenig  oder zu früh trauere, ob ich vielleicht doch noch einen Versuch unternehmen soll, ein letztes Mal ein paar Worte mit ihm zu wechseln – wenn er denn mal wach ist – oder ob ich es mir lieber erspare. Keine Ahnung. Und ich habe auch keine Lust mehr darüber nachzudenken – muss dringend den Off-Schalter für mein Hirn finden…

2 Antworten auf “Väter”

  1. Beiß die Zähne zusammen, schluck den Ärger hinunter, um Dich in Frieden von ihm zu verabscheiden.
    Sobald er nicht mehr ist, darfst Du nach Herzenslust auf ihn fluchen, das macht Dir das Herz leichter. Und dann trauere, wenn Dir danach ist.
    So würd ich’s versuchen. Alles andere würde sicher nur dazu führen, daß Du Dir später Vorwürfe machst.
    Kranke, besonders bettlägerige Menschen sind nun mal spleenig. Wenn er vor der Krankheit noch vernünftiges Verhalten an den Tag legte – sieh’s ihm nach. Ich weiß nicht, wie ich abdrehen würde, wüßte ich, daß mein Ende naht. :-/

  2. Ach, Ärger ist es gar nicht mal, aber was genau es ist kann ich auch nicht definieren. Im Moment ist es „langsam wahnsinnig werden“, seit Donnerstag der Anruf kam, es würde jetzt schnell gehen. Aber Ärzte sind nun mal Ärzte und keine Hellseher und so wie es mein Stiefvater in seinem Leben weder sich noch anderen besonders leicht gemacht hat, so ist es auch jetzt…

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