Gestörtes Verhältnis

Mehr und mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass “die Deutschen” ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie haben. Das ist wohl historisch bedingt, im Gegensatz z.B. zu den Franzosen, die sich vor einigen Jahren die Demokratie per Revolution erkämpfen mussten haben die Deutschen die Demokratie nach verlorenen Kriegen aufgedrückt bekommen. Nicht unbedingt ideal. Aber anders kann ich es mir nicht mehr erklären, dass es der großen Mehrheit anscheinend egal ist, dass sie immer mehr überwacht und durchleuchtet werden. Weiss zum Beispiel noch jemand, warum man sich nach dem Dritten Reich in Deutschland entschieden hat, auf ein zentrales Melderegister zu verzichten? Ist auch egal, denn jetzt kommt es ja wieder, wenn auch in Form eines Steuerzahlerregisters. Ist es deswegen besser? Kaum. Beschwert sich jemand? Zu wenige. Und dann bekommt man tatsächlich noch von einigen Leuten Kommentare wie “Na wenn es Dir nicht passt, dann kannst Du doch gehen!” zu hören. Früher hiess das “Geht doch nach drüben!”. Klar, die Regierung regiert Amok und wem es nicht passt, was die da machen, der soll halt gehen oder mindestens das Maul halten. Wer mit solchen Argumenten daher kommt, denkt offensichtlich nicht weiter als von 12 Uhr bis Mittag – wenn überhaupt.

5 Comments

demokratie hat per se ja nicht unbedingt etwas mit freiheit bzw dem abwesen sein eines melderegisters zu tun. wenn alle/die_meisten menschen in der demokratie der meinung sind, dass das eine gute sache ist, dann ist ja alles ok.

ich, so wie du, bin da anderer meinung. aber wir stellen offenbar nicht die mehrheit.

entweder ist es der mehrheit egal oder es ist der mehrheit zu viel aufwand, sich gegen etwas einzusetzen wovon sie nichts verstehen.

was das “dann geh doch..” angeht: da bin ich schon seit ein paar jahren einen schritt weiter smile. aber dennoch ist es mir nicht egal, was in deutschland passiert.

Demokratie hat sehr wohl etwas mit Freiheit zu tun. In anderen Demokratien (vgl. Schweiz) gibt es eine wesentlich höhere Kultur des Volksentscheids. Diese Möglichkeit gibt es auch hier in der Theorie, aber sie wird viel zu selten ausgeübt. Gerade Herr Müller hält sein Völkchen für besonders dumm. In einer Talkshow ließ er sich zu dem (aus dem Gedächtnis zitierten Spruch) hinreißen: “Das macht wenig Sinn, da viele Vorgänge so kompliziert sind, dass sie ein normaler Bürger nicht versteht.”

@Marco: Also das musst Du mir mal erklären, wie Demokratie ohne Freiheit funktionieren soll. Aber unabhängig davon gehört es nun mal zu einer Demokratie, dass auch andere Meinungen akzeptiert werden und ein “wenn es Dir nicht passt, dann geh doch” passt und gehört IMO nicht in eine Demokratie…

@Quintus: unsere Volksvertreter haben schon lange vergessen, dass sie nicht die Herrscher sind, sondern den eigentlichen Herrscher (das Volk) nur zu vertreten haben…

Jörg Friedrich

Im Wesentlichen stimme ich Dir zu.
Nur diese historische Sicht
“Das ist wohl historisch bedingt, im Gegensatz z.B. zu den Franzosen, die sich vor einigen Jahren die Demokratie per Revolution erkämpfen mussten haben die Deutschen die Demokratie nach verlorenen Kriegen aufgedrückt bekommen.”
scheint mir nicht ganz exakt zu sein, sowohl was die Franzosen betrifft, als auch, was die Deutschen betrifft. Und ich glaube auch, dass die Franzosen sich von den Deutschen hinsichtlich ihrer Demokratie-Freundschaft gar nicht so sehr voneinander unterscheiden.

@Jörg: nicht ganz exakt, aber auch nicht falsch. Und ich habe schon den Eindruck, dass es ein Unterschied ist und die Franzosen durchaus ein anderes Verhältnis zur Demokratie und ganz konkret zum Beispiel zum Demonstrationsrecht haben…

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