urheberrecht

Podiumsdiskussion zum Urheberrecht

Wirklich gut besucht war die Podiumsdiskussion zum Urheberrecht gestern leider nicht. Man sollte meinen, es gäbe mehr Urheber, die den bösen Piraten mal kräftig die Meinung sagen wollen. Scheinbar nicht. Oder diese Urheber fürchten sich vor der ver.di, man weiss es nicht 😉 Oder doch Angst vor den bösen Piraten, immerhin wurden wir ja von einer Besucherin gebeten, doch bitte ihren Hund nicht zu beissen… ähm ja.

Etwas unglücklich fand ich den Einstieg von Thomas Brück, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden der Piraten im Saarland, der für meinen Geschmack zu defensiv war. Das änderte sich während der Diskussion leider auch nicht. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass das Programm der Piraten zum Urheberrecht die Urheber überhaupt nicht berücksichtigen würde – was meiner Meinung nach nicht der Fall ist, im Gegenteil finden sich da viele Punkte, die die Rechte der Urheber gegenüber Verwertern (nicht wertend gemeint) deutlich stärken sollen (und würden). Das Programm ist mit Sicherheit nicht der Stein der Weisen in der Frage, da gibt es noch viele Ecken an denen man verbessern und ändern kann und sollte (ich persönlich denke da an ein paar Schutzfristen), aber der Dialog mit Urhebern läuft doch auch schon. Kurz: Der Programmteil zum Urheberrecht ist jetzt schon gut (zumindest für Urheber und Konsumenten, die Verwerter kommen da – aus ihrer Sicht leider – nicht so gut weg) und wird mit Sicherheit immer besser werden. Kein Grund also immer wieder zu betonen, dass ja noch daran gearbeitet würde und sicher auch noch vieles geändert würde. Besser wäre es – denke zumindest ich – gewesen, das etwas offensiver anzugehen: „Wir wollen das Urheberrecht reformieren und verändern, wir haben dazu einen umfangreichen Vorschlag vorgelegt und wir halten den für gut, sonst hätten wir ihn nicht beschlossen. Wir hören gerne zu, wenn jemand Ideen hat, wie er noch besser werden kann, aber wir müssen uns nicht nachsagen lassen, wir würden die Urheber enteignen und vierteilen wollen.“ Oder so ähnlich…

Zwei Aussagen von Urheberseite – ein Zwischenruf aus dem Publikum, eine Aussage von Wolfgang Schimmel (auf dem Podium) – hatten es mir gestern aber besonders angetan.

Der Urheber muss von seinen Werken leben können!

Ähm, kurz: Nein! Ich frage mich tatsächlich woher dieser unsinnige Anspruch kommt, man müsse von seinen Werken leben können, nur weil man sie schafft. Die einzigen Urheber, für die das gilt sind abhängig Beschäftigte. Die müssen dann aber auch nicht direkt von ihren geschaffenen Werken leben können, sondern von dem Geld, dass ihnen ihr Arbeitgeber für ihre Lebenszeit zahlt, die sie ihrem Chef „verkaufen“. Übrigens gilt das meiner Meinung nach für alle Beschäftigten, es kann doch nicht sein, dass jemand Vollzeit arbeitet und zusätzlich noch Sozialleistungen beziehen muss, um überhaupt leben zu können (anderes Thema: Mindestlohn).

Aber freiberufliche Urheber, Künstler und Autoren haben nun mal keinerlei Anspruch darauf, von ihren Werken leben zu können. Wie kommt man auf so eine Idee? Erstmal sind sie doch auch Freiberufler, Selbständige wie andere auch, die eine Dienstleistung oder ein Produkt anbieten und dafür Kunden finden müssen. Und für alle Selbstständigen gilt: Sie müssen die Chance haben, von ihrer Arbeit leben zu können. Sie müssen die Möglichkeit haben Kunden zu finden und für ihre Werke und Dienstleistungen Geld zu erhalten. Nicht mehr und nicht weniger. Übrigens ein Punkt, in dem ich mir mit Wolfgang Schimmel einig war, hätte das auch gerne noch mit der zwischenrufenden Urheberin diskutiert, aber man kann ja nicht alles haben.

Es wäre ja auch zu schön, wenn es diesen Anspruch gäbe. Hey, wir haben ein Buch geschrieben, wir müssen jetzt davon leben können! Ist doch idiotisch. Schon bevor wir angefangen hatten mit dem Buch war uns klar, dass wir glücklich sein dürfen, wenn am Ende genug Geld rein kommt, um unsere Unkosten zu decken (quer durch das Land zu fahren, Hotels usw. – hat alles eine ganze Menge Geld gekostet). Wenn es uns ums Geld gegangen wäre, dann hätten wir das mit dem Buch dankend abgelehnt.

Wir müssen die analoge Welt in der digitalen abbilden!

Ebenfalls kurz: Nein! Warum denn auch? Die digitale Welt bietet so viele Möglichkeiten, warum sollten wir sie künstlich beschränken? Nur weil in der analogen Welt manche Sachen nicht möglich sind, die in der digitalen möglich sind? Wir wären doch reichlich bescheuert, wenn wir das machen würden! Natürlich gibt es immer Menschen, die Angst vor dem Fortschritt haben, aber ganz ehrlich: Wir sind doch alle froh, dass sich die Forderung nicht durchgesetzt hatte, dass Autos und Züge nicht schneller sein dürften als Pferdekutschen. Oder Flugzeuge verboten wären, weil der Mensch ja schließlich Flügel hätte, wenn er fliegen sollte. Und ja, man kann ein gedrucktes Buch nicht mehr selbst lesen, wenn man es verleiht – aber mit einem eBook ist das (wenn es nicht mit DRM entwertet wurde) eben möglich. Ist das wirklich eine Katastrophe? Meiner Meinung nach nicht, aber mich fragt ja auch keiner 😉

Sorry, wenn „es ist ja in der analogen Welt auch so“ der einzige Grund für eine künstliche Einschränkung der Möglichkeiten der Digitalisierung sein soll, dann ist das doch nicht besser als einen Gesetz mit „wir haben im Koalitionsvertrag beschlossen ein solches Gesetz zu machen“ zu begründen. Natürlich kann ich verstehen, dass diese ganzen Möglichkeiten Daten beliebig zu kopieren und zu verteilen vielen Urhebern Angst macht, aber es muss doch intelligentere Wege geben damit umzugehen, als zu versuchen diese Möglichkeiten technisch und rechtlich einzuschränken oder gleich unmöglich zu machen.

 

Übrigens schreibe ich absichtlich „die Piraten“ und nicht „wir“, weil ich zwar (wieder) Pirat bin, mir aber nicht anmaße für die Partei oder auch nur mehr Piraten als einen einzigen (nämlich meine Wenigkeit) zu sprechen. Ich habe auch kein Amt oder Mandat in oder für die Partei, wenn also jemand der Überzeugung ist, dass ich da oben himmelschreienden Quatsch geschrieben hätte, dann bitte auch sagen: „Der Dobschat schreibt himmelschreienden Quatsch“ und nicht „Die Piraten schreiben himmelschreienden Quatsch“. Danke. Und bevor da jemand eine Verschwörungstheorie draus strickt (es gibt ja Menschen mit sehr viel Phantasie): Ja, meine Frau Andrea arbeitet seit einigen Tagen als wissenschaftliche Referentin für die Fraktion der Piraten im saarländischen Landtag. 

15 Antworten auf “Podiumsdiskussion zum Urheberrecht”

  1. Hallo Carsten, „defensiv“ in eine Diskussion zu treten, die auf Einladung des ideologischen Gegners stattfindet und etwas die Absicht verfolgte, die Piratenpartei in Ihrer Inkompetenz zu entlarven, scheint mir angebracht gewesen zu sein. Wolfgang Schimmel war nun nicht irgendwer, sondern ist ein Schwergewicht für Urheberrechtsthemen. Es war für mich sehr erfreulich, dass aus dem Publikum quasi ausschließlich kritische Fragen an Herrn Schimmel adressiert wurden. Eigentlich wurde ich doch sehr in die Passivität dadurch gedrängt, was ich gar nicht als schlecht empfand. Beinahe durchgehend musste Herr Schimmel Defizite in den Positionen der Urheberrechts- Lobby einräumen. Zweifelsfrei war das Fazit der Veranstaltung, dass eben eine Reform des Urherrechts unumgänglich ist. Ich hatte mich auf deutlich kompliziertere Sachverhalte vorbereitet. ACTA wurde gar nicht mehr behandelt, obwohl es auf der Agenda stand. Übrigens hatte ich gegenüber Frau Engels aneregt, in diese Podiumsdiskussion die Gäste einzubeziehen. Ich denke, das war im Sinne der Beteiligten. Ich wollte auch keineswegs die Schriftsteller bzw. andere Schaffende geistigen Eigentums abschrecken, indem ich manifestierte Positionen bedingungslos vertrete. Ich kenne unsere Programmatik zum Urheberrecht ziemlich genau und möchte an einzelnen Stellen gerne noch etwas nachjustieren. Poltisch strategischer ist natürlich, die Maximalforderung zu vertreten. Die eBook- Analogie hat Herrn Schimmel schließlich merklich aus dem Konzept geworfen. Ich würde „defensiv“ in „behutsam“ umdeuten, denn ich suche einen dauerhaften Dialog aller Beteiligten in der Urheberdebatte. Wir sind leider nicht in der Position, unseren Standpunkt knallhart durchzusetzen, ohne zusätzliche mediale Brandherde zu erzeugen, die dann mit viel Aufwand gelöscht werden müssen. Jedem Piraten sollte es bereits aufgefallen sein, dass in den Medien unsere Positionen absichtlich entstellt dargestellt werden. Damit bindet man Ressourcen, die nur damit beschäftigt sind, in der Öffentlichkeitsarbeit die Wogen wieder zu glätten. Wir werden auch in der Urheberrechts- Thematik keine Reform ansteuern können, wenn wir zu viele und sehr mächtige Leute gegen uns haben. Ähnlich wie bei den Internetsperren der Zensursula oder ELENA muss man konstruktive und behutsame Aufklärungsarbeit betreiben. Wenn man die Leute, anderer Auffassung überfährt, wird man sie erst recht nicht überzeugen können. Ich denke, diesen ersten Schritt habe ich mit der nötigen Besonnenheit getan. Der Wille eines weiteren Dialogs mit den Saarpiraten wurde signalisiert. Ich wollte primär die verhärtete Front aufweichen. Ich hoffe, in weiteren Veranstaltungen und Treffen wird die Problematik tiefer behandelt. Mein Fazit an dieser Veranstaltung war, dass die Piraten nicht mehr als Freibeuter der Urheberrechte gesehen werden. Ein wesentlicher Brandherd, also die Fehlinterpretation, dass die Piraten das Urheberrecht abschaffen wollten, sollte zumindest in dieser Runde ausgeräumt worden sein. Spielstand nach dieser Veranstaltung ist wohl 1:0 für die Piraten, würde ich zwischenbilanzieren…
    In diversen Blogartikeln habe ich meine persönlichen Eindrücke zur Urheberrechtsdebatte verdeutlicht und sehe mich dabei ziemlich deutlich auf der Linie der Piratenpartei. Dort werde ich auch durchaus „offensiver“…
    Gruß,
    Thomas

  2. @Thomas: Kann man so sehen, muss man nicht 🙂 Ich persönlich denke, dass man mit einer zu defensiven (oder wegen mir auch behutsamen) Herangehensweise eben den Eindruck vermittelt, sich selber der eigenen Positionen nicht sicher zu sein – und das wäre der falsche Eindruck. Denn zumindest in dem Punkt, dass das Urheberrecht (und einiges was damit zusammen hängt) dringend reformiert werden müssen gibt es bei den Piraten ja doch keine Diskussion. Und das sollte auch nach aussen klar und ohne vorauseilendes Zurückrudern (so kam es zumindest bei mir an) vertreten werden.
    Klar wird der Dialog gesucht, klar kann und wird (hoffentlich) der vorliegende Beschluss noch Änderungen bekommen, aber damit sollte IMHO nicht in eine solche Diskussion eingestiegen werden. Ist zumindest meine Meinung, aber es ist nicht mein Job für die Piraten zu sprechen, sondern (in diesem Fall) Deiner und Du machst diesen Job so, wie Du es für sinnvoll und am besten hältst und das finde ich auch gut. Denn viel schlimmer wäre es, wenn Du versuchen würdest auf eine Art und Weise eine Diskussion zu führen, die Du selber für falsch hältst.

  3. @Carsten Mindestens zweimal habe ich während meiner spärlichen Redezeit darauf hingewiesen, dass die Piraten eine REFORM des Urheberrechts anstreben. Unsere Programmatik ist dahingehend allerdings nicht ausreichend deutlich formuliert. Nicht zuletzt durch folgende nachgelegte Erläuterungen ( http://www.piratenpartei.de/2012/04/15/vorstellung-der-urheberrechtspositionen-der-piratenpartei-und-aufklarung-von-mythen) hat die Piratenpartei sozusagen selbst zugegeben, dass sie missverstanden wurde, weil sie sich nicht deutlich genügt artikuliert hat. Ich befinde mich also absolut auf Parteilinie, wenn ich Aufklärungsarbeit betreibe. Leider ist dies in einem erheblicherem Maße notwendig, als man hätte erwarten können. Hingegen für teilweise dramatisch schlecht oder zumindest unglücklich empfinde ich diese Gegenaktion: http://www.piratenpartei.de/2012/04/09/101-piraten-fur-ein-neues-urheberrecht/
    Zurecht stößt diese Aktion auf Kritik. Da sind viele Kommentare einfach nur infantil. Kommentar 3: „Ich konsumiere gerne Filme und Musik. Aber es ist mir wichtig, dass die Künstler daran verdienen und nicht irgendeine Verwertungsgesellschaft. Leider fehlen oft Möglichkeiten, die Künstler direkt zu unterstützen.“
    Da fehlt jegliche Substanz und läßt erkennen, dass der Kommentator sich nicht sehr intensiv mit dem Thema befasst haben kann. Wenn man solches behauptet, sollte man auch eine adäquate Lösung vorschlagen.
    Kommentar 4: „Musik ist mein Leben. Meiner Meinung nach verdienen die Künstler zu wenig an CD-Verkäufen bei Preisen um die 15 Euro. Das Meiste bekommen die Verwertungsfirmen. Künstler erhalten einen, vielleicht auch zwei Euro daraus. Das ist zu wenig!“
    Das ist Populismus pur. Die Fakten lassen sich schnell ergooglen: An einer physischen Musik- CD erhält der Künstler 4%, die Verwertungsgesellschaft 6%. Die großen Anteile fließen in Vertrieb (19%) und zum Label (31%). Warum wohl gründen erfolgreiche Künstler, die es sich finanziell leisten können, wohl ihr eigenes Label?
    Man könnte von den 101 Kommentaren deutlich mehr als die Hälfte schlichtweg in die Tonne klopfen. Das ist nicht die Vorgehensweise, die ich bevorzuge. Die „runden Tische“ sehe ich da erfolgversprechender. Gleiches wollte ich bei der ver.di- Veranstaltung bezwecken, was auch gelungen ist, für mein Empfinden. Hätte ich eine starre Haltung eingenommen, wäre auch diese Front dauerhaft verhärtet geblieben. OK, ich kam zu wenig zu Wort und eigentlich wollte ich auch nicht den Großteil der Veranstaltung über Nosferatu diskutieren, wenngleich ich diesen Aspekt noch nicht kannte. Gerne hätte ich konkrete Situationen angesprochen, wo das aktuelle Urheberrecht versagt, doch dazu kam ich leider nicht. Das Leistungsschutzrecht (in meinem Blog bezeichne ich es als „Blinddarm des Urheberrechts“) wäre mir wichtig gewesen. Hingegen ist der „Schultrojaner“ eher eine Randerscheinung, die eher gesondert behandelt werden sollte. Der Herr mit den grauen Haaren schweifte mir auch zu sehr vom Kernthema ab, wodurch auch Zeit verloren ging. Wie schon erwähnt, war Herr Schimmel ja weit mehr gefordert als ich. Mein Eindruck, den ich generell habe, war, dass die anwesenden, vom Urheberrecht betroffenen Personen, gar nicht wirklich die Problematik erkennen. Die Künstler wollen von ihren Werken „gut“ leben können und beanspruchen staatliche sowie juristische Unterstützung. Das unternehmerische Risiko möchten viele offensichtlich nicht tragen. Ihnen dies unbesonnen ins Gesicht zu sagen, würde den Konflikt nur verschärfen. Daher gehe ich das Thema besonnen (defensiv) an, um nicht direkt eine aufkeimende Vertrauensbasis zu zerstören. Ja, das mag meine Vorgehensweise sein, die dir nicht gefällt. Als Amtsträger der Saarpiraten bin ich auch angreifbar und verantwortlich, wenn ich Mist baue. Und „Mist“ wäre es zunächst, wenn ich den Dialog im Keim ersticken würde. Wenn weitere Diskussionsrunden stattfinden, kann man dann die unterschiedlichen Positionen herausstellen und daran arbeiten. Wenn man dann konkrete Themenfelder als Diskussionsbasis festlegt, entsteht auch keine derart pauschale Diskussion. Dann werde ich auch die Defensive entsprechend verlassen…

    Gruß,
    Thomas

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