Es wäre ja fast lustig, wenn es nicht so traurig wäre: In letzter Zeit wird wieder fleissig über den Rundfunkbeitrag diskutiert und die Gegner dieses Rundfunkbeitrags nennen ihn auch gerne noch „GEZ-Gebühr“ und zeigen sich auch darüber hinaus oftmals sehr frei von Wissen rund um diese „Demokratieabgabe“.
Zugegeben, ich habe selbst auch ein durchaus gespaltenes Verhältnis zu dem Thema. Das hängt weniger damit zusammen, dass ich mal ein Jahr lang für eine der ARD-Anstalten gearbeitet habe. Denn ich weiß genau, dass diese Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, gerade mal für die Abteilung in der damaligen Konstellation gültig sind und nicht für das gesamte System des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks. Klar, ich sage ganz gerne mal, dass mich am meisten an der Zeit dort gestört hat, dass ich nie das Fenster gefunden hatte. Welches Fenster? Na das, aus dem das ganze Geld geworfen wurde. Aber deswegen halte ich den ÖRR nicht für Geldverschwendung. Da besteht sicherlich Bedarf für einige Reformen und das Sparpotential ist sehr wahrscheinlich längst nicht erschöpft, aber die grundsätzliche Notwendigkeit des Auftrags zur Grundversorgung und von Nischenprogrammen ist meiner Meinung nach weiterhin ohne jeden Zweifel gegeben. Im Gegenteil, man müsste die Grundversorgung gerade im Netz noch deutlich ausbauen. Aber das ist ein anderes Thema.
Lustig finde ich ja, dass regelmäßig die gleichen Gründe genannt werden, warum der Rundfunkbeitrag abgeschafft gehöre, die einige davon werde ich hier mal sammeln und jeweils ein bisschen was darauf antworten – erleichtert mir in Zukunft solche Diskussionen, da sich diese „Argumente“ regelmäßig wiederholen. ?
Netflix/Amazon Prime/whatever ist viel billiger als der Rundfunkbeitrag und zeigt viel mehr!
Viel mehr? Nun ja, wenn man es auf das Thema Fernsehen reduziert und dieses dann auch auf Serien, Filme und Dokumentationen, dann mag das sogar stimmen. Aber wie sieht es mit Radio aus? Oder mit regionalen Programmen? Nachrichten? Talk-Shows zu aktuellen Themen? Ach? Interessiert alles nicht? Man hört also selbst kein Radio, schaut keine Nachrichten oder so, also braucht das gefälligst auch sonst keiner? Aha…
Sollen die ARD und ZDF doch als Pay-TV machen, wer das sehen will, der soll das zahlen und alle anderen sparen sich das Geld!
Interessante Idee, aber geht komplett an der Sache vorbei: Der Auftrag zur Grundversorgung der gesamten Bevölkerung schließt so ein Modell direkt aus. Wer so etwas verlangt, der will doch nichts weiter als die Abschaffung des Systems ÖRR. Kann man natürlich wollen, dann sollte man aber auch so ehrlich sein und es sagen. Und dann sollte man ein paar gute Argumente haben, warum die Versorgung mit einem (relativ, zugegeben) unabhängigen Programm via Radio, Fernsehen und Internet plötzlich überflüssig sein sollte. Ich bin gespannt.
Da läuft nichts was ich sehen will, ich will nicht für $interessiertmichnicht bezahlen!
Ob irgendwelche Volksmusiksendungen oder Sportübertragungen, es gibt immer Dinge, die man nicht sehen mag. Bei mir trifft es auf beide Beispiele zu und noch viele mehr. Aber es gibt Menschen, die das sehen wollen und beim Beispiel Volksmusiksendungen möchte ich mal fragen, wie viele private Sender so was übertragen. Nur mal so gefragt. Denn zur Grundversorgung gehört eben auch die Versorgung von Publikum, das eben nicht den heißesten Shit aus den USA frisch im TV präsentiert bekommen will, sondern auch diejenigen, die zum dreihundertsiebenundachtzigsten Mal diesen Silberflöte oder Silberlocke oder wie der heißt trällern sehen möchten. Nicht meins, aber ich bin halt nicht der Nabel der Welt. Dafür wollen vielleicht etliche Menschen keine Tagesschau sehen oder halten es für idiotisch, dass sich manche Menschen morgen vom Frühstücksfernsehen wecken lassen.
Lügenrundfunk! Lügenfernsehen! Alles links-grün-versifft und von der Regierung gesteuert!
Das System mit dem Rundfunk- bzw. Fernseh- bzw. Hörfunkrat mag jetzt nicht perfekt sein, aber es bezieht schon sehr viele gesellschaftliche Gruppen in die Programmgestaltung mit ein. Und wenn man sich mal verschiedene Sendungen ansieht, gerade bei den Nachrichten und politische Sendungen, dann muss man schon zu dem Schluss kommen, dass man bei den ÖRR durchaus um Ausgewogenheit bei den Meinungen bemüht ist und das tatsächlich auch häufiger ge- als misslingt. Natürlich gibt es auch immer grobe Ausrutscher, aber die machen nicht die Masse des Programms aus – und Fehler passieren nun mal. Klar, auch der ÖRR und die Menschen, die dort arbeiten sind sicher nicht perfekt, wie auch das ganze System nicht, aber bislang ist mir noch keine bessere Idee untergekommen, wie man das noch unabhängiger und noch ausgewogener machen könnte.
Wer braucht die schon? Die Privaten machen es eh viel besser, sieht man an den Einschaltquoten!
Ui, steile These. Nicht neu und schon viel zu häufig gehört. Ich habe aber durchaus meine Zweifel, ob private Unternehmen immer alles besser machen als Behörden oder eben öffentlich-rechtliche Anstalten. Und reine Popularität ist kein Argument für Qualität. Wenn zum Beispiel antisemitische Vollidioten einen Echo gewinnen, dann nur, weil sich ihre „Musik“ vorher so gut verkauft hat. Oder zum Beispiel Scheiße ist unfassbar beliebt bei Fliegen. Und in einigen Gegenden der Welt sollen Hunde, Katzen oder Insekten zu den populärsten Lebensmitteln gehören. Kurz: Nur weil viele etwas gut finden, muss es das noch lange nicht für mich oder andere sein. Wie schon erwähnt: Grundversorgung und Nischenprogramme.
Okay, Grundversorgung schön und gut, aber warum so viel? Das kann man doch reduzieren, auf ein Minimum!
Nein, kann man nicht. Sagte zumindest das Bundesverfassungsgericht im sog. 4. Rundfunk-Urteil.Man mag darüber streiten, ob die Sachlage heute anders wäre. Ich denke aber, dass die vom Bundesverfassungsgericht erkannte Gefahr, dass durch Werbung finanzierter Privatrundfunk alleine keine Grundversorgung sicherstellen könne, weiterhin besteht.
Für diese Zwangsgebühren gibt es keinerlei rechtliche Grundlage!
Also wirklich ernsthaft vertreten diese Ansicht nur „Juristen“, die ihr „juristisches Fachwissen“ aus YouTube-Videos und Verschwörungs-Blogs beziehen. Es ist ja nicht so, als hätte es nicht reichlich Klagen gegen den Rundfunkbeitrag gegeben – aber die höchstrichterliche Bestätigung der Ansicht, es gäbe für die Gebühren keine solide rechtliche Grundlage ist bislang ausgeblieben und auch nicht in Sicht. Im Gegenteil. Aber wahrscheinlich nur, weil an den Gerichten so studierte Juristen sitzen, die ihr Wissen noch aus Büchern haben – wie altmodisch, klar, dass die keine Ahnung haben können. ?
Ich bin ein Egoist und will einfach nicht für andere zahlen!
Das ist mal ein ehrliches Argument. Aber trotzdem Kacke ?
Sollten mir weitere solche „Argumente“ unterkommen, werde ich den Beitrag natürlich ergänzen – und sollte mir tatsächlich mal jemand schlüssige Argumente dafür vorlegen können, warum das System des ÖRR abgeschafft werden müsste und wie man das bewerkstelligen könnte, ohne dabei die Grundversorgung zu gefährden, dann werde ich dazu sicherlich einen eigenen Beitrag schreiben. Bitte gerne im Kommentarbereich. ?
Artikelbild von freestocks-photos via pixabay (CC0)


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