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Der Sascha, Apple Music und der Apfel-Trigger

Der Sascha,  Apple Music und der Apfel-Trigger

Ich bin ja sehr oft mit Sascha Pallenberg einer Meinung, wirklich sehr oft. Aber wenn es um das Thema Apple geht, fällt es mir immer wieder schwer hinter dem virtuellen Schaum vor dem Mund noch so ein bisschen die berechtigte Kritik zu erkennen. Irgendwie scheint Apple bei Sascha einen Knopf zu drücken, der die Gehirnbereiche kurzzeitig lahm legt, die für so Dinge wie „Sachlichkeit“ oder „neutrale Betrachtung“ notwendig sind. So auch bei Apple Music

Ohne Frage: Apple ist nicht zum reichsten Konzern der Welt geworden, weil das Unternehmen so lieb und freundlich ist. Ganz bestimmt nicht. Aber das unterscheidet Apple nicht von anderen Unternehmen und im Gegensatz zu z.B. Google hat Apple nicht von sich behauptet nichts böses zu tun, während sie gleichzeitig genau das getan haben. Apple baut auch Mist, versucht es aber nicht hinter einem scheinheiligen „Don’t be evil“ zu verstecken. Apple ist ein Unternehmen, welches Aktionären gehört, die wiederum für ihr Geld etwas sehen wollen. Seien es steigende Kurse oder eben Dividenden. Keiner der vor allem institutionellen Anleger gibt einem Unternehmen Geld, weil es die Produkte so toll findet – die machen das, um mehr Geld zu verdienen. So weit, so einfach, das ist Kapitalismus (und es bleibt Kapitalismus, selbst wenn man es Marktwirtschaft nennt und das eine oder andere soziale Feigenblatt dran hängt).

Nun will also Apple in den Markt mit Musik-Streaming einsteigen. Ist logisch. Die Verkäufe von Musik gehen zurück, auch bei iTunes, immer mehr Menschen legen immer weniger wert darauf Musik zu besitzen (bzw. eine lebenslange Pauschallizenz zu erwerben), sie wollen einfach nur immer Musik hören und immer aus möglichst viel Musik auswählen. Kann ich verstehen, auch ich nutze recht häufig Spotify (bis jetzt noch, aber das ist ein anderes Thema), aber ich habe trotzdem weiter Musik gekauft. Sogar mehr als vorher, denn wenn ich Musik höre, die ich so richtig richtig gut finde, dann will ich die besitzen (bzw. eine lebenslange Pauschallizenz erwerben).

Apple ist neu auf dem Markt, trotz des Zukaufs von Beats (deren Kopfhörer Apple gerne einstellen und einstampfen dürfte, die sind ihr Geld nicht wert) und verhandelt nun also mit den großen Labels um Lizenzen. Nebenbei baut Apple eine Infrastruktur auf – und das ist ein Punkt, den irgendwie noch keiner erwähnt hat – um dieses Streaming Angebot technisch zu leisten. Denn immerhin reden wir von rund 800 Millionen iTunes-Kunden, die nur einen Klick vom Abschluss eines Abos entfernt sind. Dazu kommt eine kostenlose Probezeit (jetzt mal egal wie lange) und der Ruf von Apple mit der einhergehenden Medienberichterstattung. Man darf also ruhig damit rechnen, dass zum Start von Apple Music sicher ein paar Millionen Menschen den Dienst testen werden. Nicht alle 800 Millionen, aber seien es nur 200 Millionen Menschen, die am 30.06. schlagartig anfangen Musik bei Apple zu streamen. Das macht man nicht mal eben mit ein paar gemieteten Rootservern, da wurden unter Garantie einige Millionen Dollar investiert, um die vorhandene Infrastruktur dafür fit zu machen.

Mit dieser Ausgangslage geht Apple nun also zu den großen Labels: „Hört zu, wir wollen den besten und tollsten Streaming-Dienst der Welt an den Start bringen“, denn drunter geht es bei Apple nie, ist klar, „und wir wollen den Nutzern am Anfang einen kostenlosen Probezeitraum von drei Monaten einräumen. Und weil wir in die Infrastruktur, in die Software und in das Am-besten-und-tollsten-sein des Dienstes einige Millionen Dollar gesteckt haben und während des Probezeitraums auch nix verdienen, bieten wir Euch an, dass Ihr in der Zeit auch nix bekommt, aber dafür anschließend bei den Bezahlabos eben ein paar Prozente mehr“. Das alles wird Apple mit dem Hinweis auf die schon erwähnten 800 Millionen nur einen Klick weit entfernten Kunden, dem in Apple Music integrierten Hinweis auf den Musikkauf und womöglich einigen Prognosen oder sogar Garantien in Sachen Abo-Zahlen garniert haben.

Die Vertreter der großen Labels – allesamt auch Angestellte von Unternehmen wie Apple, die für ihre Eigentümer Geld machen sollen – werden sich dann hingesetzt haben und sehr viel gerechnet haben. Denn für das Rechnen haben solche Unternehmen eigene Abteilungen, die können das verdammt gut. Die haben dann also gerechnet und sind offensichtlich zu dem Ergebnis gekommen, dass sich das über einen Zeitraum X für die Unternehmen lohnen würde. Ob es sich für die Künstler lohnt, mit deren Musik die Labels ihr Geld verdienen, steht auf einem anderen Blatt. Es würde mich nicht wundern, wenn die Rechnungen auf diesem Blatt ein ganzes Stück weniger umfangreich ausgefallen sind. Aber ich weiß es nicht.

Jetzt hat Apple also einen Deal mit den großen Labels und geht damit zu den kleineren Labels und legt denen diesen Deal vor. Motto: „Eure großen Kollegen sind damit einverstanden, also bekommt Ihr auch diesen Deal, wenn er Euch nicht passt, dann lasst es eben“. Das gefällt den kleineren Labels natürlich nicht. Zum einen, weil viele kleinere Labels Menschen gehören, die selbst Musiker sind, zum anderen müssen natürlich auch kleinere Labels Gewinn machen und für die sind drei Monate ohne Einnahmen vom – ziemlich sicher ab nächstem Monat – größten Anbieter (nach Usern) von Musik-Streaming möglicherweise ein Verlust, den sie nicht so ohne weiteres abfedern und mit zukünftigen Gewinnen aufrechnen können.

Und dann kommt Taylor Swift, aufrechte Kämpferin für das Geld der Künstler – zumindest soweit es sich bei den Künstlern um Musiker handelt, bei Künstlern, die fotografieren ist das eine ganz andere Sache, aber das ist auch ein anderes Thema – und bringt Apple mit einem offenen Brief (laut Sascha ein Bettelbrief) dazu den Deal zu ändern und doch die Zahlung von Lizenzgebühren während der kostenlosen Probezeit zuzusagen. Und damit haben Taylor Swift und Apple dem Sascha irgendwie auch seinen am Freitag angekündigten Rant verhagelt, zumindest liest er sich so.

Klar, für Apple bedeutet diese Kursänderung, dass der neue Dienst am Anfang eben noch mehr kostet. Wie viel das genau wird ist noch offen, aber es wird Apple sicherlich nicht an den Rand des Ruins treiben. Es wird den Gewinn schmälern, den das Unternehmen macht. Und man darf natürlich fragen: Warum nicht gleich so? Naja, vielleicht weil man bei Apple dachte, dass es fair wäre, wenn Apple die Infrastruktur aufbaut und 800 Millionen potentiellen Kunden den Dienst quasi direkt vor die Nase setzt und die Hauptnutznießer (man erinnere sich: Über 70% der Einnahmen reicht Apple an die Labels weiter) dafür dann durch Geldverzicht in den Start des neuen – und garantiert in kürzester Zeit größten – Streaming-Dienstes investieren. Grundsätzlich hat Apple damit natürlich Recht, man darf aber nicht vergessen, dass die Labels nur Verwerter anderer Leute Rechte sind und diese anderen Leute nicht zu fragen ist schon grenzwertig, gerade weil diese anderen Leute schon länger unzufrieden sind mit den Krümeln, die sie vom Streaming-Kuchen abbekommen (aber auch das ist eine andere Geschichte).

Soweit, so sachlich. Man kann nun sagen, dass es eine beschissene Idee von Apple war, man kann sagen, dass Apple von Anfang an hätte auch für die Kostenlos-Phase des Dienstes hätte zahlen sollen, kann man alles machen. Aber in Anbetracht der Investitionen, die Apple getätigt hat und der zu erwartenden Umsätze für die Labels davon zu sprechen, dass Apple sich hier bereichern würde… naja, ist auch grenzwertig.

Grenzwertig ist auch der Zeuge der Anklage, den Sascha da anbietet: Brian Jonestown Massacre hatte getwittert, dass Apple gedroht hätte die Musik seiner Band aus iTunes zu schmeissen, wenn er nicht bereit wäre die Apple Music Konditionen zu akzeptieren. Klingt erstmal schlimm, Apple selbst sagt aber, dem wäre nicht so und ganz ehrlich: Warum sollte Apple das tun? Viel wahrscheinlicher erscheint mir hier ein Missverständnis, eben dass seine Band nicht bei Apple Music dabei sein würde, wenn er mit den Bedingungen nicht einverstanden ist. Aus iTunes die Musik zu schmeissen würde für Apple doch keinen Sinn ergeben. Und leider scheint auch der gute Brian nicht sehr weit nachgedacht zu haben, denn wie kommt er sonst auf die Idee, dass Apple während der kostenlosen Probezeit von Apple Music mit dem Dienst Geld verdienen würde?

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Aber nun gut, das mag dem Adrenalin geschuldet sein – klares Denken ist in so einem Zustand ja eher nicht zu erwarten 😉 Im Zweifel würde ich an dieser Stelle sagen, dass hier eine aus aktuellem (und durchaus auch berechtigtem) Frust heraus getätigte Aussage eines Musiker gegen eine logisch nachvollziehbare Aussage von Apple steht. Ein bombensicherer Zeuge sieht anders aus.

Man sieht aber auch wohin zu viel Adrenalin führen kann bei Sascha, der sich doch tatsächlich zu einer äußerst gewagten Behauptung hinreissen lässt in seinem Rant:

Apple als barmherziger Samariter, als Retter der gefallenen Musik-Industrie. Wohlgemerkt eine Industrie die erst durch die ehrenvollen Herrschaften aus Cupertino derartig die Graetsche gemacht hat.

WTF? Sorry lieber Sascha, aber da bist Du gerade so weit von der Realität entfernt, die Entfernung lässt sich kaum messen. Die Musikindustrie hat wegen Apple die Grätsche gemacht? War es Apple, das mit Napster die Idee von Tauschbörsen in die Welt gesetzt hat? Hat Apple mit dem MP3-Format dafür gesorgt, dass Musik digital schnell und ohne Stress austauschbar wurde? Hat Apple Unmengen von illegalen Downloads ins Netz geschmissen und Tauschbörsen betrieben? Und hat Apple die Musikindustrie gezwungen die Realität zu ignorieren und zu hoffen, dass dieses Internet wieder weg geht?

Oder hat Apple nicht mit dem iTunes Store bewiesen, dass Menschen immer noch bereit sind für Musik, auch auf digitalen Verbreitungswegen, zu zahlen, wenn man es ihnen nicht unnötig schwer macht? Hat Apple mit iTunes nicht dafür gesorgt, dass die Umsätze der Musikindustrie wieder nach oben gegangen sind? Nein, die Grätsche hat die Musikindustrie ganz alleine gemacht, als sie dachten, dass sie nach der CD ihren ganzen Backkatalog einfach in ein paar Jahren ein weiteres Mal auf dem nächsten Datenträger verkaufen könnten. Als man dort dachte, man käme dem Tausch von Musik im Internet mit Klagen und Abmahnungen bei und irgendwann würde das weg gehen. Als man sich dort viel zu lange weigerte, Lizenzen für kundenfreundliche digitale Vertriebssysteme zu erteilen. Erst als mit Apple ein Nischenanbieter – zur Erinnerung: iTunes und den Store gab es anfangs nur für Mac OS X – dann gezeigt hat, dass man auch im Internet noch Musik verkaufen kann…

Jetzt echt Sascha, Apple hat die Musikindustrie kaputt gemacht? Das kann nicht Dein Ernst sein.

Beitragsfoto: re:publica, Lizenz: CC-BY 2.0

Veröffentlicht von

Ein humanistischer Misanthrop (oder umgekehrt), der seit sehr vielen Jahren Dinge ins Internet schreibt und das weiter tut. In diesem Weblog finden sich nun aktuelle Beiträge und alte Beiträge seit 2004, die das Löschen von reichlich altem Scheiß überlebt haben.

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