Nie wieder?

Ich hatte Glück und die Gelegenheit mit Zeitzeug*innen des Dritten Reichs sprechen und ihnen Fragen stellen zu können. Das liegt auch daran, dass ich mich ziemlich früh für das Thema interessiert hatte. Den Beginn machte die Mini-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“. Ich müsste 8 oder 9 gewesen sein, als ich eine Wiederholung im Fernsehen gesehen habe. Für mich war unbegreiflich, dass es diese Nazis, das Dritte Reich und das systematische Verfolgen und Ermorden von Menschen tatsächlich gegeben hat. Also wollte ich mehr wissen – was damals Bücher bedeutete und eben mit Menschen reden.

Aber es war nicht nur die Serie. Um die Ecke des Geschäfts meiner Eltern in Nürnberg war ein jüdisches Seniorenheim und ich fand es seltsam, dass ein Seniorenheim von der Polizei bewacht werden muss. Nachdem ich die Mini-Serie gesehen hatte und ein bisschen was gelesen hatte, hatte ich dann aber eine Idee, warum das so ist. Einer der Bewohner kam damals, ich war 10 oder 11, recht regelmäßig ins Geschäft und er hat sich gerne unterhalten (was meinem Stiefvater so gar nicht gefallen hat: lange Unterhaltungen und dann nur kleine Einkäufe, wenn überhaupt). Irgendwie bin ich dann mit ihm ins Gespräch gekommen, ich weiß gar nicht mehr genau wie.

Das war die erste Person, mit der ich mich mehrmals und ziemlich ausführlich über das Dritte Reich unterhalten habe, er hat mir aber auch viel über das Judentum erzählt, mir die Synagoge gezeigt und mir wirklich jede meiner Fragen beantwortet, auch die Frage, warum er immer noch in Deutschland lebt und wie er es aushalten konnte in einem Land zu leben, dessen Einwohner*innen ihm, seiner Familie und Millionen anderen so unfassbares angetan haben. Vor allem kurz nach dem Krieg, als ja praktisch überall Täter*innen rum gelaufen sind. Er sagte, dass Deutschland eben sein Heimat sei, er hier geboren wurde und dass eben nicht alle Deutschen mitgemacht hätten, nicht alle Deutschen wären Nazis gewesen und es wären auch Deutsche gewesen, durch die er überlebt hatte. Außerdem sei Deutschland ja ein anderes Land geworden und würde nie wieder so etwas zulassen. Er lebt heute nicht mehr, aber manchmal frage ich mich, was er wohl zu den Wahlergebnissen der sog. AfD sagen würde.

Ich versuchte immer mehr über diese Zeit zu erfahren und wie die Nazis die Macht übernehmen konnten in Deutschland. Ich habe versucht mich mit Menschen zu unterhalten, die sie erlebt haben. Mit meiner Großmutter hatte ich ein paar Gespräche, unter anderem erzählte sie mir auch von ihrer Flucht (ihre Mutter, sie und ihre Schwester) aus Schlesien. Von ihrer Begegnung mit einem Todesmarsch und wie sie mit angesehen haben, wie jemand einfach erschossen und liegen gelassen wurde, weil er nicht mehr konnte. Meine Urgroßmutter sagte da: „Egal wie schlimm es wird, wir haben es verdient“. Mein Großvater hat nie über die Zeit gesprochen, immer nur über die Zeit nach dem Krieg und im Nachhinein, durch alte Briefe aus der Zeit, die meine Mutter inzwischen hat, haben wir eine Idee einer Vorstellung davon, wie schwer traumatisiert er gewesen sein muss. Als er aber eine Jugendfreundin aus Prag besuchte, die inzwischen in Fürth lebte, war ich mit dabei. Sie wollte einfach gerne auch zumindest einen seiner Enkel kennenlernen. Ich erfuhr, dass er damals ihr und ihrer Familie geholfen hatte zu fliehen, bevor sie abgeholt worden wären, da sie „Halbjüdin“ war.

Meine Großeltern, also die Eltern meiner Mutter, waren keine Nazis, sie waren auch nicht im Widerstand, sie waren einfach Menschen, die versucht haben zu (über)leben und dabei ihre christlichen Werte zu behalten und zu leben (welche Nachteile christliche Werte haben können, wenn sie in einen katholischen Konservatismus verpackt sind, ist ein anderes Thema für einen anderen Blogbeitrag). Auf Seiten meines Vaters hatte ich keine Gelegenheit mit Zeitzeugen zu sprechen. Sein Vater war nach allem was ich erfahren habe ein Nazi und hat auch nach dem Krieg nicht wirklich seine Einstellung geändert. Sein Bruder, Adolf Dobschat, dagegen war Kommunist, das „rote Schaf“ der Familie. Er gehörte zu den Überlebenden des KZ Buchenwald und hat nach der Befreiung dort Fotos gemacht. Kennengelernt habe ich ihn leider nie, er blieb nach den Krieg in Thüringen. Und mein Stiefvater hat auch nicht wirklich was erzählt. Was ich weiß: Er hat das Kriegsende in einem Lazarett nach einem Übungsunfall er- und überlebt. Ohne diesen Unfall wäre er sehr sicher ebenfalls an der Front verheizt worden.

Nachdem ich mich schon einige Jahre mit dem Thema befasst hatte, als es dann irgendwann auch in der Schule thematisiert wurde, wusste ich zu dem Zeitpunkt sicher schon mehr über diese Zeit als der durchschnittliche AfD-Wähler heute ignorieren will. Und bei allem was ich wusste, war ich immer der festen Überzeugung, dass „Nie wieder!“ mehr sei als eine Floskel. „Nie wieder!“ war für mich immer ein unbestrittener Konsens unserer Gesellschaft, den nur ein paar verwirrte Idioten nicht teilen. Es waren mal mehr, mal weniger Idioten, sie wählten mal Republikaner, mal DVU und dann wieder NPD, aber sie waren immer ein kleine Minderheit. Selbst die Neonazis und die Aber-Nazis, die ihnen nachliefen, Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte, die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, Hetzjagden, NSU und was noch alles vorgefallen war. Ich war immer der festen Überzeugung, dass die Mehrheit in diesem Land das klar ablehnt und es kein Viertes Reich geben könnte.

Seit einigen Jahren bin ich mir da nicht mehr so sicher und spätestens seit dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt befürchte ich wirklich, dass dieses Land wieder an einen Punkt kommt, an dem gesagt wird: „Ach lasst die doch mal machen, wenn die erst mal in der Verantwortung sind, dann werden die sich schon entzaubern“. Zwölf Jahre. Zwölf verdammte Jahre, einen Weltkrieg und viele Millionen Tote hat es gebraucht, bis die NSDAP „entzaubert“ war. Und sie hat sich nicht selbst entzaubert, das „Entzaubern“ mussten die Alliierten übernehmen und ihr Gegenzauber war unter anderem hochexplosiv und wurde aus Flugzeugen über Deutschland abgeworfen. Zur „Entzauberung“ musste erst das ganze Land in Schutt und Asche gelegt werden, selbst als jede*r wissen musste, dass der Krieg verloren war, gab es noch genug, die voller Überzeugung vom Endsieg geträumt und immer weiter Menschen verheizt haben. Sorry, aber die Art von „Entzauberung“ kann sich Deutschland nicht wieder leisten. Selbst wenn auf die Alliierten heute noch Verlass wäre, nach der nächsten Befreiung vom Faschismus werden die aus Deutschland einen Parkplatz machen. Bestenfalls. Aber Wiederaufbauhilfe? Die Hand reichen und eine neue Partnerschaft aufbauen? Ganz sicher nicht mehr.

Und trotzdem wählte fast die Hälfte der Wähler*innen in Sachsen-Anhalt die gesichert rechtsextreme AfD, eine Partei, in der sich „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ zuhause fühlen darf. Eine Partei, in der einige parteiintern nicht ganz unbedeutende Personen ganz offen davon träumen 20 Millionen Menschen aus Deutschland zu remigrieren deportieren oder gleich umzubringen. Eine Partei, die ständig Lügen verbreitet, wilde Feindbilder aufbaut, Dinge fordert und macht, die sich komplett widersprechen und ganz offensichtlich dieses Land zerstören will. Eine Partei, die so rechtsextrem ist, das andere rechtsextreme Parteien in Europa mit ihr nichts zu tun haben wollen. Eine „Partei“ deren Anhänger*innen inzwischen ganz offen unter Klarnamen zur Gewalt gegen Andersdenkende aufrufen und einen Bürgerkrieg ankündigen, sollte „ihre Partei“ nicht bald die Macht übernehmen oder am Ende eines Verbotsprüfungsverfahrens tatsächlich verboten werden.

Warum? Liegt es an den Genen? Haben Deutsche ein besonderes „Rechtsextremen Demagogen auf den Leim“-Gen? Oder sind Menschen im allgemeinen einfach größtenteils Vollidioten, die nichts geschissen bekommen und jemanden brauchen, der sie regelmäßig belügt, ihnen sagt wohin sie laufen und wen sie erschießen sollen? Ernsthaft, ich verstehe es nicht, ich kann es nicht einmal nachvollziehen. Was versprechen sich so viele Menschen davon eine rechtsextreme Partei zu wählen?

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